Bike2Work am Limit

Warum ich konditionell wieder bei 0 anfange, sollte dem geneigten Leser mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Heute stand ein weiteres Highlight meiner Comeback-Phase ins Haus: Bike2Work. Jene Aktivität, welcher ich in der Vergangenheit einen Großteil meiner Kondition zu verdanken hatte und welche seit der Pandemie auf fast 0 reduziert wurde. Heute war es wieder so weit. Ich fahre mit dem Rad ins Büro.

Eigentlich wollte ich…

… es ruhig angehen lassen. Wenn ich wieder ins Büro fahren würde, dann an einem Tag, an dem ich keine Termine am Morgen habe. Dann könnte ich gegen 7:30 starten, mir Zeit lassen, die Gegend genießen und entspannt im Büro ankommen. Denn machen wir uns nichts vor, mein Homeoffice Alltag hat nichts mit dem Wunschdenken eines Mannes in meinem Alter gemein, wo ich mich motiviert um 5.30 Uhr, mit einem liebevollen Klaps auf den klingelnden Wecker, aus dem Bett schraube, lächelnd auf den Dachboden zum Yoga verschwinde, um dann um 6:30, gut aufgewärmt, zu einer kleinen Guten-Morgen-Runde mit dem MTB in den Wald aufbreche, nur um dann um 8, frisch geduscht und mit einem Kalorien-Defizit von mindestens 5000 den Tag bei einem köstlichen Müsli zu beginnen.

Passiert einfach nicht. In der Realität klingelt der Wecker um 7:45, ich stehe um kurz vor 8 auf, gehe mich waschen und Zähneputzen und bin dann pünktlich um 8 vor dem Rechner im Homeoffice.

Und wenn ich jetzt überlege, ich müsste plötzlich von 7:45 auf 6:30 oder gar 6:00 Uhr switchen, um pünktlich ins Büro zu gelangen? Das will doch niemand! Also fasse ich den Plan: Wenn Büro, dann entspannt!

Theorie und Praxis

In der Praxis sieht das dann wieder ganz anders aus. In einer Telko vereinbaren wir ein Präsenz-Termin. „Wann könnt Ihr?“, wird die Frage in den Raum gestellt. Ich sage: „Ab 10 wäre gut!“ – „Ne, geht es nicht eher!“ höre ich und der Termin wird auch 8:30 gelegt. Ich bin überstimmt. Fuck!

Na gut, wird schon nicht so schlimm sein, ich packe einfach alles vorher ein und dann muss ich mich nur noch anziehen und kann direkt starten. Dann wird 6:30 aufstehen locker reichen. Für die 20 km brauche ich immer rund 1 Stunde. Easy!

Ich packe meine Koffer

Ich lege meinen EVOC Neo 16l vor mir auf den Schreibtisch und öffne die Ladeluke. Notebook, Schlüpper, T-Shirt, Flickzeug, Pumpe, 5 Go-Pro Akkus, Netzteil, Geldbörse, Maske, Socken… Joa, alles da. Ich schließe den Rucksack, lege noch ein Bügelschloss in das Helmfach, packe den Akku für die Sigma Buster 2000 HL in den Flaschenhalter des Rucksacks und bin eigentlich einsatzbereit. Eigentlich…

Denn was ich Held vergessen habe, ist eine Hose! Eine Hose… Natürlich. GoPro Akkus habe ich genug, als wenn ich auf Expedition gehe, aber eine Hose? Ne, die braucht man im Büro ja auch so selten! Schmollend packe ich den Rucksack wieder auf und verstaue noch eine Jeans. Ich muss ja sagen, der Rucksack packe das alles locker. Ob ich das alles so bis zur Arbeit tragen kann, wird sich zeigen.

Ich checke die Wetter-App. Morgen nur geringes Regen-Risiko. Gut, gut… Ich hab keine Lust auf Wasserschlacht, irgendwann sicher wieder, aber bitte nicht morgen.

Ich lege mir noch eine Short und meine Protective Hose raus, Socken neben die Schuhe, Thermohemd und ne Jacke liegen ebenfalls griffbereit. Na dann kann ich ja ins Bett.

WE TE EF!

Der Wecker klingelt um 6:30. Aus dem Bett springen? Puh, nicht mit mir. So richtig früh bin ich am Vorabend dann doch nicht ins Bett gekommen, dies und das hielten mich dann doch noch wach. Okay, Zähne putzen, kurz waschen, anziehen und dann raus. Vor der Tür hörte ich schon die Autos fahren und wenn sie fuhren, konnte ich eine Gischt hören.

Gischt = Wasser = Regen? Nein, Regen hatten wir nicht, aber es hatte geregnet. Ich überlegte, ob ich noch eine plausible Ausrede für mich finden würde, während ich mir ne Scheibe Brot verabreichte. Nein, es wird heute passieren. Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit.

Ich warf noch einen Blick aus dem Fenster. Kein Regen, aber die Bäume bewegen sich. Hmm, die bewegen sich doch sonst nicht so… Ich muss los.

Alles verkabelt, GoPro läuft, auf geht es! Mein Weg führt mich durch den öffentlichen Park hinter unserem Haus in Richtung Rhein-Herne-Kanal. Es ist frisch, aber ich bin gut verpackt. Meine Busch und Müller IXON Space macht wieder eine anständige Arbeit und leuchtet mir den Weg StVO-Konform aus. Wenn es etwas Flutlicht braucht, schalte ich die Sigma per Lenkradfernbedienung zu. Perfekte Kombination!

Nach 3,4 km erreichen ich den Rhein-Herne-Kanal, welchen ich in westliche Richtung in Richtung Zoom und Erzbahntrasse befahren werde. Hier habe ich meinen ersten WTF-Moment! Denn als ich unter der Unterführung Bochumer-Straße wieder hervorkomme, pustet mir ein satter Gegenwind ins Gesicht. Scheiße! An den Wind hatte ich nicht gedacht.

Gegenwind stärkt den Charakter

Die nächsten 5 Kilometer gab es richtig in die Fresse! Die eigentliche Distanz von 21 km bin ich bereits vorher schon ein paar Mal auf dem Rollentrainer gefahren. Die kann ich mittlerweile wieder ganz gut. Ich bin auch schon genau diese Strecke auf dem Trainer gefahren, alles kein Thema! Aber mit Gegenwind habe ich nicht geübt.

Ich quälte mich also am Kanal entlang, unter der mittlerweile bekannten A43 Emscher-Talbrücke, bis zum Steag Kraftwerk und seinem Kohlespeicher. Hier hielt ich kurz an, um ein Foto zu schießen. Natürlich nur für das Foto! Natürlich!

Hier konnte ich auch die Schonsteine in der Nähe der Halde Oberscholven sehen, welche mir immer als Windindikator dienen. Kommt der Qualm oben raus und steigt gerade nach oben, ist es windstill. Kommt er Qualm oben raus und wird in einem entsprechenden Winkel in eine Richtung gebogen, gibt es Wind. In meinem Fall war es so, dass der Qualm im 90° Winkel in Richtung Osten gepustet wurde. Also genau in meine Richtung. Ich spreche dann von Gegenwind Deluxe!

Das kann ja heiter werden.

Ich wähle die Abkürzung

Gegenwind zieht mir den Akku schneller leer als eine Nachtspeicherheizung auf Crack! Also muss ein Plan B her. Ich kürze ab. Nicht, was ich heute machen wollte, aber mit Blick auf die Uhr und meine Kondition, die einzig gute Idee, die mir jetzt helfen kann.

Also wähle ich ab Cranger-Kirmesplatz den Weg über die Recklinghauser-Str. / Hammerschmidtstraße, unter der A42 durch, 4-spurig, dreckig und einfach nicht schön dort. Keine nennenswerte Fahrradinfrastruktur und überhaupt. Ich will da nicht sein. Aber immerhin etwas windstiller als am Kanal. Und wenn, dann kommt der Wind von der Seite.

Ich schmuggle mich über den Gehweg, bis zum Eingang der Erzbahntrasse auf Höhe der Zeche Pluto.

Jetzt stehen schon 11,3 km auf dem Tacho und es fühlt sich an, als hätte ich eben die 100 km erreicht. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren auch an dieser Stelle hier stand, damals noch als totaler Anfänger und zum ersten Mal auf dem Weg, mit dem Rad zur Arbeit. Damals bin ich an dieser Stelle hier fast vor Erschöpfung gestorben. Heute unterscheidet mich nur das fortgeschrittene Alter und das teurere Equipment von früher.

Es geht hinauf

Und der anstrengendste Teile kommt jetzt erst. 2,3 km, welche knapp 17 HM spendieren. Kaum zu glauben, dass ich mich sonst über diese Passage freue, weil man hier im Sommer Spreu vom Weizen trennen und mit einem gescheiten Antritt alle E-Bikes und Gelegenheitsfahrer versägen kann! Heute kommt mir diese Steigung vor, als würde ich den Everest mit einem Singlespeed bezwingen.

Für die paar Meter brauche ich fast 10 Minuten und ich bin froh und erleichtert, dass ich diese Steigung dann doch halbwegs würdevoll bezwungen habe. Jetzt nur noch an Holgers Erzbahnbude vorbei und dann ist es eigentlich nicht mehr weit, bis ins Büro. Aber mit Blick auf die Uhr braucht es erneut eine kleine Kurskorrektur.

Doch nun folgen rund 2 km, die ich wieder gegen den Gegenwind ankämpfen muss. Denke ich noch so bei mir, als mich ein E-Bike überholt und sich vor mich setzt. Sofort ist der Gegenwind verschwunden und ich sauge mich im Windschatten des Vordermanns fest. Puh, gerettet von einem E-Bike! Das hätte ich auch nicht gedacht, dass mir das mal passieren würde.

Ich verteufle E-Bikes natürlich nicht, aber ich ziehe sie halt gerne ab, wenn ich diese Strecke fahre. Heute aber nicht, denn heute bin ich dankbar für alles.

Andere Player, keine Liebe

Mal ein kurzer Zwischengedanke. Wenn man regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat man für gewöhnlich immer die gleiche Strecke und sieht immer die gleichen Nasen. Mit der Zeit weiß man genau, wer einem wann begegnet und die Begrüßungen sind entsprechend freundlich.

Wenn man aber, wie ich, jetzt fast 2 Jahre aus dem Geschäft raus ist, muss man sich seinen Platz offenbar erst neu verdienen. Gegrüßt wurde ich nur in Einzelfällen, meist einfach nur schweigend ignoriert. Ich lache natürlich darüber, aber ich würde mir schon etwas mehr Freundlichkeit untereinander wünschen.

Das gilt aber für unsere gesamte Gesellschaft. Zurück zum Text.

Kurskorrektur

Eigentlich führt mich mein Weg noch weiter bis zur Halde Rheinelbe. Doch das ist mir heute zu unsicher. Wir haben schon nach 8 und bis zur Halde sind es noch ein paar Kilometer Gegenwind. Zudem hat mein Windschattenspender eine Verkehrslücke nutzen können, welche mir verwehrt blieb. Somit hätte ich mich jetzt wieder selber um den Gegenwind kümmern müssen.

Ich entscheide mich als erneut für eine Kurskorrektur und kürze ab der Ückendorfer-Straße ab. Von hier aus ist es nicht mehr weit. Und seid die Baustelle auf der Straße weg ist, gibt es auch endlich einen besseren Fahrradweg. Besser, nicht gut, aber besser.

Die letzten 1,5 Kilometer ziehe ich dann auch noch durch. Der Garmin wird später sagen, es war eine optimale Belastung zur Konditionserhaltung. Ich frage mich, welche Werte er gemessen hat und habe schon ein wenig Angst vor der Heimreise, die ja in rund 9 Stunden schon wieder ansteht.

Die Tour bei Strava

Damit Du nachvollziehen kannst, wo ich war, hier die Tour bei Strava für Dich.

Video

Hier noch ein kleines Video zu dem Tag.