Projekt Fixie – Von der Idee bis zur Garage

N+1. Mehr muss ich eigentlich nicht sagen, oder? Die Idee, mir ein günstiges Brötchen-Bike zu besorgen, geisterte mir immer mal wieder im Kopf herum. Meistens dann, wenn ich eines meiner teuren Bikes unbeobachtet beim Arzt oder am Supermarkt anketten musste. Dann steigt mein Puls immer automatisch ein paar Schläge, denn man hört ja immer wieder, wie schnell Räder geklaut werden.

Ein Brötchen-Bike muss her!

Warum Brötchen-Bike? Eigentlich hatte ich dafür einen deutlich abfälligeren Namen gewähnt, aber mit dem Namen kann ich es auch bei YouTube oder auf anderen Kanälen benennen, wenn Kinder zuhören, ohne Stress zu bekommen. Also nennen wir es Brötchen-Bike.

Ich wollte was Gebrauchtes, gepflegtes, bezahlbares. Halt einfach ein Bike, mit dem man fahren kann. Ich hatte an ein Trekking-Rad gedacht. Irgendwas mit Gepäckträger, ein paar Gänge, darf auch quietschen und Rost haben. Bei Ebay-Kleinanzeigen wurde ich aber nicht fündig. Alles, was mir zusagte, war gleich vom Preis her abgehoben. Es hat sich sicher bis zum Privatmann herumgesprochen, dass Fahrräder beliebt sind. Na gut, nur Gelduld.

Ein Tipp, den man mir auf Twitter mal gegeben hatte, waren Zoll-Auktionen. Hinfahren, Bike aussuchen, bieten und mitnehmen. Leider derzeit aufgrund der aktuellen Corona Situation nicht möglich, aber es gibt eine Webseite.

Dort wurde ich dann fündig. Zwei Trekking-Räder, die bei 25 € starteten und ein Fixie-Bike. Fixie? Super, da hätte ich auch bei Brötchen-Hure bleiben können. Fixies hatte ich nicht auf dem Schirm. Klar, die Szene ist mir bekannt und ich staune regelmäßig, wie die überzeugten Mitglieder dieser Szene ihre Bikes durch die Straßenschluchten amerikanischer Großstädte lenken… Aber ich komme aus Recklinghausen und will nur Brötchen kaufen. Brötchen und Mett. Und mal zum Arzt.

Also beobachtete ich die Auktionen und harrte der Dinge, die da kommen. 8 Tage Bedenkzeit hatte ich.

Was sieht man? Was sieht man nicht?

Bei der Auktion bekommt man eine Reihe von Informationen über das Bike und ein paar Fotos. Wenn ich den Hinweis auf der Auktionsseite richtig gelesen habe, kann man die Räder vorher auch besichtigen, wenn es die aktuelle Schutzverordnung erlaubt. Ich habe darauf aber verzichtet, erstens hatte ich keine Lust nach Münster zu fahren, zweitens hatte ich dafür auch keine Zeit und drittens wollte ich vielleicht auch ein wenig Nervenkitzel.

Auf den Fotos sah das Bike recht gut aus. Ich meinte ein paar Lackschäden ausgemacht zu haben, was mich aber nicht sonderlich störte. Von dem Hersteller „EINZIG“ hatte ich nie etwas gehört. Aber dafür gibt es ja das Internet.

Es gibt keine EINZIGe Meinung

Etwas über den Hersteller in Erfahrung zu bringen war nicht so leicht, wie ich dachte. Ja, es gibt eine Website und ja, es gibt dort auch Informationen zu den Rädern, aber irgendwie scheint man bei EINZIG nach Diktat verreist zu sein. Auf der Webseite steht das Copyright von 2016, alle Räder scheinen ausverkauft und auch der Social-Media Auftritt bei Instagram scheint irgendwie fluchtartig verlassen worden zu sein.

2019 wurden nochmal die Geschäftszeiten bei Facebook aktualisiert. Eine Kontaktanfrage meinerseits wurde bisher nicht beantwortet. Nur angerufen habe ich nicht, war mir dann doch irgendwie zu doof.

Im Internet bin ich auch nur auf wenige Erfahrungsberichte gestoßen. Hier gibt es zwei Meinungen. Die einen sagen: Billiger Schrott! Die anderen sagen: Man bekommt, was man bezahlt, aber für das Geld ist es okay! Der Rahmen sei wohl okay, die Komponenten lassen zu wünschen übrig, aber wenn man ein paar Sachen austauscht, gehts.

Sachen austauschen? Ihr habt meine Aufmerksamkeit!

Die Auktionen neigt sich dem Ende zu

Die 3 Kandidaten im Rennen begaben sich auf die Zielgerade. Die beiden Trekking-Räder waren mittlerweile vom Preis her unattraktiv geworden, weil sich zwei ungeduldige Bieter offenbar einen kleinen Bieterkrieg geliefert hatten und die Gebote schon über 160 € standen. Das Fixie stand aber erst bei 121 € und das hatte auch irgendwie mehr Klasse, als die anderen beiden.

Ich mag ja so Exoten.

Die Trekking Räder waren jedenfalls gedanklich raus. Letztendlich gingen Sie auch für 173,-, bzw. für 170 € über den Tisch. Aber ich konzentrierte mich nun auf meine Fixie Auktion. Ebay-Skills von über 20 Jahren wurden geweckt, der Countdown lief runter…

28 Sekunden

Hatte ich mir mein Limit gedanklich gesetzt? Ja, 180 €, hatte ich das Passwort zur Hand? Check! Ich habe früher viele Auktionen verloren, weil ich in letzter Sekunde geboten hatte und die Website vorher dann nochmal das Passwort abgefragt hat. Aber Passwort war da, ich bin angemeldet und zu allem bereit.

175 € habe ich eingetragen, zur Not lege ich noch 5 € dazu. Ja, doof.

25 Sekunden

Nicht bieten, niiiicht bieten… Wie einst Luke Skywalker, beim Anflug auf den Todesstern, musste ich mich zusammenreißen… Noch nicht, bin fast da… Der Darth Vader in meinem Nacken war der unbekannte Mitbieter, der jetzt vermutlich genauso nervös mit dem Finger auf über der Maustaste zitterte, während er den letzten Moment zur finalen Gebotsabgabe herbeisehnte…

20 Sekunden

Jetzt nicht die Nerven verlieren… Man muss unter 10 kommen, Anfänger haben dann die Hosen voll und ihr Gebot bereits platziert.

19 Sekunden

Nicht zucken… Bleib konzentriert…

18 Sekunden

Hatte ich das Passwort in der Zwischenablage? Ja…

17 Sekunden

Bin fast da…

16 Sekunden

Okay, it’s the final countdown! Jetzt nochmal kurz die Augen schließen und dann den Knopf langsam drücken.

15 Sekunden

Die Augen gehen auf, der Finger senkt sich zur Maustaste und bestätigt mein Gebot! Jetzt heißt es Daumen drücken und hoffen, dass der Torpedo den Lüftungsschacht erreicht! Okay, ich hab die Hosen voll und konnte nicht die 10 Sekunden abwarten!

13 Sekunden

Bitte geben Sie Ihr Passwort ein! ARGH! Damit hatte ich gerechnet, aber ich bin vorbereitet! Strg+V: 180! FUCK, ich hab das Höchstgebot in der Zwischenablage gespeichert: Alt+Tab: KeePas, Strg+C, Alt+Tab, Strg+V: Passwort drin, Button gedrückt.

5 Sekunde

Sie sind höchstbietender! „Das Ende dieser Auktion wird durch Ihr Gebot verschoben! Das letzte Gebot muss mindestens 5 Minuten Bestand haben, erst dann wird der Zuschlag erteilt.“

WAS?! Die Auktion verlängert sich um weitere 5 Minuten?! Was ist mit 3, 2, 1, meins?! Okay, falsche Platform, aber hey, kommt schon!

5 Minuten Zeitstrafe

Na gut, so aus der Distanz betrachtet, ist diese Regelung eigentlich ganz fair. So bekommt nicht der den Zuschlag, der die schnellste Internet Leitung hat, sondern der, der den höchsten Preis bietet. Du hast nochmal 5 Minuten Zeit um ein erneutes Gebot zu platzieren, oder Du bist raus. Eigentlich gut, würde ich mir für Ebay auch wünschen.

Nachdem der erste Schock überstanden war, platzierte ich mein Höchstgebot von 180 € und wartete ab. Wenn mich einer überbieten würde, dann ist das halt so. Und dann hat es nicht sollen sein. Ich war jetzt Höchstbietender mit 170 Flocken und das war für mich okay.

Zuschlag!

5 Minuten später gehörte das Bike mir! Darth Vader war vermutlich auf dem Anflugkanal geschleudert worden oder hat sich gedacht: „Ach lass dem Spinner doch den Schrotthaufen!“

Mein Höchstgebot wurde jedenfalls nicht überschritten und ich musste 170 € an die Stadt Münster überweisen. PayPal oder Bezahlung bei Abholung gab es nicht.

Abholung in Münster

5 Tage später bot sich mir die Gelegenheit, das Bike in Münster abholen zu können. Also sattelte ich das Blechross mit einem Fahrradträger und trat sie 45 Minütige Fahrt in den Süden von Münster an um zu holen, was mir gehört!

Nach einer entspannten Autofahrt erreichte ich mein Ziel und fand mich vor der Funfahrradstation wieder. Einem beachtlichen Bau mit hunderten, wenn nicht sogar tausenden Fahrrädern! Sicherstellungen, abgeschleppte Räder, gefundene und was weiß ich noch alles.

Die Übergabe war einfach und unkompliziert. Ich hatte vorher angerufen, um einen Termin zu machen, brauchte ich aber nicht. Sollte man grundsätzlich aber lieber machen, besonders nach der Pandemie.

Ich zeigte meinen Überweisungsbeleg, wies mich aus und wurde dann zu dem Rad geführt. Der freundliche Herr vom Ordnungsamt begutachtete noch kurz den Luftdruck und wies einen Kollegen aus einer Werkstatt an, mir noch nen Schlag Luft auf die Reifen zu machen. Sehr zuvorkommend.

Wir quatschen noch ein wenig über das Rad und seine Herkunft, sichergestellt wurde es mal, weil der Fahrer keinen Nachweis erbringen konnte, dass es ihm gehört. Andere Räder standen einfach zu lange irgendwo herum und blockierten Plätze. Lustig, fast wie bei Autos.

Nach einer angenehmen halben Stunde hatte ich das Gebäude dann wieder verlassen und war stolzer Besitzer eines neuen / gebrauchten Bikes.

Wie geht es jetzt weiter?

In der heimischen Garage angekommen, habe ich das Bike zunächst mal genauer untersucht. Technisch ist es absolut okay. Es hat ein paar Lackschäden, vom abstellen an Fahrradbügeln, der Sattel ist durch, das Hinterrad eiert ein wenig, die Kette braucht mal Öl und Bremsen und Reifen wollen mal gecheckt werden.

Alles überschaubar. Eine ganz neue Welt. Wo wenig Gummi habe ich noch nie auf einem Mantel gesehen. Ich bin gespannt, wie man die Reifen wechselt. Das schreit nach Spezialwerkzeug.

Ein paar bauliche Veränderungen will ich auch machen. Ich suche einen Gepäckträger für vorne, mag mir vielleicht andere Pedale besorgen, oder die Aktuellen wieder herrichten, will meinen Tacho verbauen und etwas in die Sicherheit des Bikes investieren. Vielleicht ein Rahmenschloss mit Kette, für das spontane „ich stell das mal hier ab“. Und oder ein Kryptonite Messenger Mini. Mal schauen, was sich in der Praxis bewährt.

Für Tipps bin ich immer dankbar!