Zurück im (virtuellen) Sattel

Exakt 3 Monate ist es her, dass ich mich nach meinem Riss der Achillessehne einer Operation unterziehen musste. Ihr erinnert Euch sicher. 3 lange Monate musste ich warten, bis ich meinen Hintern endlich wieder auf einen Sattel schwingen kann. Um Fahrrad zu fahren!

Aber der Reihe nach!

Grünes Licht!

Schon vor einigen Wochen haben mich meine Orthopäden mir selber überlassen und mit den Worten „machen Sie, was sie wollen, wenn Sie es können!“ verabschiedet. Dieser generelle Freifahrtschein ist natürlich auf der einen Seite super, auf der anderen Seite konnte ich zu diesem Zeitpunkt leider absolut nichts!

Dieser Satz wurde mir gesagt, als ich am 12.10.2021 meine Orthese nach 8 Wochen Tragezeit ablegen durfte. Ich konnte nichts mit dem Fuß. NICHTS! Wo einst Muskeln waren, waberte nun lebloses Gewebe herum und wartete auf erneuten Aufbau.

Mein Physio nahm mir aber die Sorge und machte mir Hoffnung. Wir schmiedeten den Plan, dass wenn ich wieder kleine Sprünge machen kann, ich auch wieder auf den Sattel steigen darf.

Damit waren natürlich keine Handeltouren gemeint, also nicht direkt.

Meine Frau

Ein Rollentrainer musste her. Diese Idee stammt von meiner Frau. In der ersten Zeit würde ich eh nur ein paar wenige Kilometer fahren können und es wäre doch verdammt schön, einfach vom Rad absteigen zu können, wenn es nicht mehr ginge und dann schon zu Hause zu sein.

Besser als noch ein paar Kilometer nach Hause zu schieben. Rollentrainer? Puh, da ist ja von 100 bis 1200 € alles möglich. Aber okay, die Idee fand ich super.

Tausend und ein Rollentrainer

Aber welches Modell sollte es werden? Ich hatte bereits mit einer freien Wolle geliebäugelt, als es mir noch gut ging. Die sind vom Preis her moderat und man kann darauf fahren, ohne große Umrüstarbeiten zu machen. Aber diese Rollen sind nicht smart und für meine Zwecke nicht ausreichend.

Ich dachte also an einen Rollentrainer, wo ich das Bike als Ganzes einspannen kann. Das Hinterrad sollte gegen die Bremse drücken und damit wäre ich gut aufgestellt. Vom Preis her sind diese Dinger auch bezahlbar und waren somit meine erste Wahl.

Dann meldete sich der Kampfbiker per Twitter zu Wort, als ich mein Vorhaben meiner Timeline vortrug., Er riet mir dringend davon ab, weil wir eigentlich recht gleich ticken. Er riet mir zu einem direkten Rollentrainer wie den Wahoo Kickr. Also einem Rollentrainer, wo man das Hinterrad entfernt und direkt mit dem Rollentrainer verbindet. Kostenpunkt, um die 800 €. Äh, bitte?! Keine Chance!

Mein Nachbar

Irgendwann sprach ich mit meinem Nachbarn über das Thema und mein Vorhaben. Er wusste zu berichten, dass er noch einen Rollentrainer im Keller habe, auf dem ich in jedem Fall erstmal testen könne, ob mir das Konzept zusage.

Auf das Angebot wollte ich in jedem Fall zurückkommen, auch wenn er schon sagte: „Smart ist bei dem Rollentrainer nix, der ist schon ein paar Jahre alt.“

Es stellte dann später jedoch heraus, dass alle meine Bikes nicht ohne nennenswerten Aufwand in diesen Trainer passen würden und so wurde das Kapitel nie wirklich geschrieben. Denn meine Frau machte kurzen Prozess!

Kurzer Prozess!

Mittlerweile machte ich meine ersten kleinen Sprünge beim Physiotherapeuten und in einer der anschließenden Sitzungen brachte er das Thema Rollentrainer wieder zu Sprache. Es wäre an der Zeit, sich darum zu kümmern, das würde meiner Genesung sicher dienlich sein.

Noch am selben Abend probierte ich erst den Trainer meines Nachbars aus, was leider ohne Erfolg blieb. Meine Frau und ich waren uns einig, dann muss ein Neuer her. Also Trainer, nicht Nachbar. Sie erhöhte den emotionalen Druck als sie sagte: „Dann such aber bitte was gescheites raus, damit wir in 6 Monaten nicht wieder was anderes kaufen müssen!“

Oh Gott! Was Gescheites ist aber so teuer! Und ich bin doch so geizig, wenn es um Dinge nur für mich geht. War meiner Frau egal! Und sie hat ja recht. Wer billig kauft, kauft zweimal.

Zur Auswahl standen der Tacx T2980 und ein Wahoo Kickr Core Direktantriebstrainer. Der eine für 639 €, der andere für 675 €. Beide hatten vor und Nachteile. Und als ich wieder anfing herumzueiern, machte meine Frau kurzen Prozess.

11:18 Uhr, sie: „Ich würde den Wahoo nehmen, der sieht mir standfester aus!“

11:19 Uhr, sie: „Der ist auch bei Meinhövel verfübar, in GE!“

11:19 Uhr, sie: „Könntest Du heute Nachmittag schon haben!“

11:22 Uhr, sie: „Ruf da an… Dann fahre ich von hier aus direkt da hin!“

11:23 Uhr, ich: „Waaaarte, warte, warte….“

Wir tauschten noch ein paar Nachrichten aus und ich versuchte irgendwie Zeit zu gewinnen und das unvermeidbare irgendwie hinauszuzögern. Warum auch immer, denn ich wollte es ja auch. Und sie gab nicht nach, weil sie mich ja kennt und weiß, wie oft ich mir bei solchen Sachen im Weg stehe!

Das Ende vom Lied: Mittags kam sie von der Arbeit und brachte mir den Wahoo Kickr Core mit.

Wahoo Kickr Core aufgebaut

Der erste Kilometer

Nach Feierabend machte ich mich an die Montage, die ja wirklich kinderleicht ist. Ich demontierte die 11-Fach Kassette von meinem Laufrad, montierte sie am Kickr und spannte mein Gravelbike ein. Danach nahm ich das Ding in Betrieb, installierte die App, installierte das Firmwareupdate, konfigurierte den Garmin und dann war ich ready to go!

Vorsichtig kletterte ich auf den Sattel, zog dabei die Bremse, als ob das Ding jetzt losrollen könnte und dann saß ich da. Vorsichtig trat ich in die Pedale, der Antrieb setzte sich in Bewegung und ich „fuhr“. Dann der operierte Fuß, ganz vorsichtig, dann bestimmter, dann sicherer und dann fuhr ich meinen Ersten Kilometer!

Mehr wollte ich nicht, 1000 Meter würden reichen, es funktionierte alles reibungslos und ohne Probleme. Ich stieg ab und war von meinen Gefühlen übermannt, ich musste heulen wie ein Schlosshund.

3 Monate musste ich auf diesen Moment warten. Ich wusste immer, er würde kommen, ich war nie alleine, nicht unbeschäftigt, aber als es dann jedoch endlich so weit war, brachen bei mir alle Dämme. 1000 Meter!

Und jetzt?

Heute ist Sonntag und ich habe bisher täglich auf dem Bike gesessen. Ich habe Strecken auf Komoot geplant, sie auf den Garmin gespielt und bin sie gefahren. Das klappt ganz ausgezeichnet, wobei mir heute aufgefallen ist, dass bereits gefahrene Strecken realistischer vom Kicker simuliert werden, als die geplanten von Komoot. Aber dazu später mehr. Insgesamt habe ich schon 46 Kilometer gefahren und mein sportliches Alter von 78 auf 71 reduzieren können.

Ich werde mich nun mit dem Thema Trainingspläne beschäftigen und versuchen jeden Tag eine virtuelle Tour zu fahren, damit ich schnell wieder vor die Tür kann, um echte Kilometer zu sammeln.