Game-Over für 2021

Weil ich in den letzten Wochen damit beschäftigt war, eine lästige Schmerzquelle aus meiner Schulter zu bekommen, ist das Radfahren ein wenig in den Hintergrund geraten. Klar, ich konnte ja auch nicht. Aber heute nun sollte die zweite schmerzfreie Tour anstehen, nichts Wildes, nur eine kurze Runde um den Block, bevor es abends an den Grill ging, um eine selbstgemachte Pizza zu produzieren.

Erste Vorzeichen

Im Nachhinein fühlt sich der Tag, wie eine Szene aus Final Destination. Ich fahre los und schon nach wenigen Kilometern nimmt meine eine ältere Damen auf einem Rad die Vorfahrt und ich muss stark bremsen, um eine Kollision zu vermeiden.

Kurze Zeit später übersieht mich jemand beim Ausparken und auch da kann ich noch rechtzeitig ausweichen. Ich schimpfe ein wenig rum und setzte meine Fahrt fort. Aber ich bin schon wachsamer und habe ein schlechtes Bauchgefühl, was die restlichen Kilometer angeht.

Ich beschließe die Tour zu verkürzen und Montag wieder richtig mein Kilometerziel anzugreifen. Heute stinkt hier was nach Ärger, also besser keine Experimente. Ich fahre also zurück in Richtung Cranger-Kirmes-Platz.

Das letzte Foto

In der Nähe des Cranger-Kirmes-Platztes ist auch die Neue Schleuse Herne Crange. Ich beschließe hier nochmal kurz Pause zu machen und ein Foto für Instagram zu schießen. Ich drapiere mein Bike am Geländer, mache zwei Schritte zurück und denke noch so bei mir: „Ziemlich windig heute…“

Ich mache mein Foto.

Dann ging alles ganz schnell

Kaum war das Foto im Kasten, erfasste der Wind mein Bike und es fiel langsam in meine Richtung. Geistesgegenwärtig mache ich einen beherzten Schritt nach vorne und es gibt einen heftigen Schlag in meinem Unterschenkel.

Das Bike fiel zu Boden, ich habe es nicht mehr erreicht.

Wie sich später herausstellen sollte, habe ich mir in diesem Moment die Achillessehne abgerissen.

Der Moment danach

Mir war sofort klar, hier ist was kaputtgegangen und das wird vermutlich nicht mit etwas Kühlung und Ruhe wieder heilen. Da hab ich wohl mal richtig in die Scheiße gepackt. Also so richtig, richtig! Schimpfend und fluchend rettete ich mich auf die Stufe, auf der eben noch das Bike stand.

Aufheben konnte ich das Bike nicht, war mir aber auch egal. Meine Trinkflasche kullerte über die Schleusenanlage und ich lehnte am Geländer.

Die Schmerzen waren erträglich, mein großes Glück bis hier… Ich fasste einen klaren Gedanken und rief meine Frau an. Die machte sich sofort auf den Weg zu mir, um das Bike abzuholen. Dann rief ich den Rettungsdienst, denn aufstehen und ins Auto steigen, das würde nicht klappen.

Außerdem wusste ich auch nicht, ob ich etwas falsch machen würde, wenn ich versuchen würde auf eigenen Beinen ins Krankenhaus zu kommen.

In der Zwischenzeit hielt ein Paar an und war so freundlich, mir meine Flasche auf die Treppe zu stellen. „Ob ich denn Hilfe benötigte“ wollten sie wissen, „Ach sie haben ja Ihr Handy, dann ist ja gut…“ sagten sie und ich bedankte mich für die Bereitschaft mir zu helfen.

Warten auf den Rettungsdienst

Mich hier zu finden schien nicht ganz so einfach zu sein. Ich hörte den Krankenwagen zwar schon, aber man suchte mich in irgendwelchen Nebenstraßen der Schleuse. Obwohl ich ziemlich deutlich gesagt habe, dass ich auf dem Schleusengelände liege, direkt über dem Kanal, sorgte die Adresse anscheinend für Missverständnisse.

An der Schleuse ist nämlich „Altcrange 32“ angeschlagen und Altcrange ist auch eine Sackgasse, gleich um die Ecke. Dort vermutete man mich.

Passanten, die mich da gesehen haben, mussten sich auch ihren Teil denken. Ein fluchender Kerl, der wie ein Schluck Wasser in der Kurve am Geländer lehnt und flucht, sein Fahrrad liegt halb auf dem Weg… Klarer Fall, der Kerl ist besoffen vom Rad gefallen.

Die Rettung naht

18 Minuten, nachdem ich den Notruf abgesetzt habe, erreichte mich der Rettungswagen der Feuerwehr Herne. Auch meine Frau erreichte nun den Ort des Geschehens und war sichtlich erleichtert, dass ich noch lachen konnte. Während die Feuerwehr mich einpackte, rettete meine Frau mein Bike. Ich bin beiden sehr dankbar für ihren Einsatz!

Im Krankenwagen fuhren wir dann zum St. Anna Krankenhaus nach Herne. Dort wurde ich dann sehr freundlich empfangen und sehr gut versorgt. Für allgemeine Verwunderung sorgte, dass ich nahezu keine Schmerzen hatte. Es gibt ja diese Schmerzskala von 1 bis 10. Ich war während des gesamten Aufenthalts nie wirklich über 3.

Wie ging es dann weiter?

Bereits in der Notaufnahme verpasste man mir einen fetten Iron Man Stiefel. Leider ohne Flugfunktion, sehr ärgerlich. Vermutlich ein früher Prototyp… Egal.

Nach der Notaufnahme ging es zum Röntgen und danach auf Station. In einem blauen Rollstuhl wurde ich von einer Stationsschwester geduldig durch die Gänge geschoben, bis ich schließlich mein Zimmer erreichte. Da wurde mir dann zum ersten Mal richtig bewusst, was mir da passiert ist und was das alles nun für meine Familie und mich bedeuten wird.

Tags darauf wurde ich dann operiert. Es lief alles rund und schon am Mittwoch durfte ich nach Hause. Jetzt steht eine schwere Zeit ins Haus. 8 Wochen muss ich den Stiefel tragen und dann mithilfe von Physiotherapie wieder laufen lernen. Bzw. Belastung lernen usw.

Persönliche Anmerkung

Der ein oder andere findet es vielleicht geschmacklos oder unpassend, wenn ich Fotos mache, während ich verunglückt bin. Ich habe die Bilder auch als Insta-Story gepostet und darauf riesig viel Feedback mit Genesungswünschen bekommen.

Glaub mir, die Bilder habe ich gemacht, weil ich es konnte. Ich will damit sagen, dass ich die Prioritäten in dieser Situation für mich richtig gesetzt habe. Zuerst kommt meine Gesundheit, meine Familie und dann mein Blog. Vereinzelt erreichten mich auch Fragen, „ob man das denn alles posten müsse“ und ich möchte sagen: Wenn man es kann, ja.

In meinem Blog berichte ich über alles, was mir rund um das Thema Mountainbiking passiert. Verletzungen gehören leider nun mal auch dazu. Ich hätte die Fotos sicher nicht gemacht, wenn ich nicht in der Lage dazu gewesen wäre.

Ich möchte mich auf diesem Weg auch nochmal für die zahlreichen Genesungswünsche bedanken, welche mich auf den verschiedensten Kanälen erreicht haben. Schön, dass so viele von Euch Anteil an der Situation nehmen.

Wir schaffen das!

Updates

16.08. – 23.08.2021 – Die erste Woche

Die erste Woche nach meinem Missgeschick ist in den Büchern und ich wollte die Gelegenheit nutzen, sie zu dokumentieren.

Nachdem ich Sonntag ja ins Krankenhaus gekommen bin, stand am Montag die Operation auf dem Plan. Gegen 12:25 ging der Spaß los. Thrombose-stumpf an, durchsichtiger Baumwoll-Schlüpper und das hinten offene Nachthemd. Nein, man kommt sich nur ein ganz kleines bisschen doof vor. Ich bekam noch eine Beruhigungstablette und dann ging die Reise mit dem Bett schon los.

Vollnarkose ist echt immer ein Hirnfick. Von einem auf den anderen Moment gehen die Lichter aus und auch wieder an. 14:25 schickte ich meiner Frau einen Text, dass ich wieder auf dem Zimmer sei. Offen ist, wie lange ich tatsächlich operiert wurde.

Gegen 16:25 war ich dann wieder richtig wach und klar. Schmerzen hatte ich keine, ich hab Novalgin bekommen, da ist alles easy.

Mein neuer, ständiger Begleiter ist jetzt der Walker Schuh. Nach der Operation wurde dort ein Keil eingesetzt, welcher den Fuß in einer 10° Stellung halten soll. Das muss ich so 4 Wochen tragen, danach kommen die Keile nach und nach raus, bis der Fuß wieder voll auf dem Boden steht.

Mein neuer Absatz

Als Gegenstück hat man meinen Sportschuh eingezogen, welcher nun auch so einen Absatz unter die Sole gebaut bekommt. Was die Schmerzen angeht, alles im Griff. Klar, vermutlich wegen der Schmerzmittel, aber auch so habe ich verdächtig wenig Schmerzen.

Dienstag habe ich denn zwei Physio-Anwendungen gehabt. 1x 10 Minuten mit den Armen an einer Maschine rudern und 2x 13 Minuten Elektrobehandlung. Soll wohl das Wundwasser abtransportieren. Fragwürdige Methode, aber ich hatte an dem Tag eh etwas Zeit. Nachmittags hat mich dann noch meine Frau besucht. Dank der Pandemie musste man im Krankenhaus ein Zeitslot buchen und Geimpft, genesen oder getestet sein.

Mittwoch wurde ich dann entlassen. Weil meine Frau arbeiten musste, haben mich zwei Freunde eingesammelt und bis in die Wohnung eskortiert. 4 OG ohne Aufzug und Kondition ist eine Herausforderung. Danach hätte ich erstmal duschen gehen und unter der Dusche einschlafen können, so fertig war ich. Aber: Endlich wieder zu Hause.

Jetzt heißt es: Schritt für Schritt zurück in den Alltag kämpfen. Donnerstag hatte ich noch keine Termine und konnte mich erstmal ausruhen. Dennoch hatte ich mir 2 Tagesziele gesetzt. Duschen und die Wendeltreppe in unser erstes Stockwerk meistern.

Duschen war kein Thema. Meine Frau hat mir einfach einen Müllsack über den Walker gestülpt und mit Klebeband verschlossen. Wenn ich mit allem durch bin, habe ich sicher einen aalglatten Oberschenkel, vom ganzen Klebestreifen abziehen.

Zum Abend hin habe ich mich aber dann dem zweiten Endgegner gestellt. Die enge Wendeltreppe hat nicht viele Stufen aber sie ist eng. Nach ein paar Minuten war aber auch diese Herausforderung „in the books“.

Freitag hatte ich dann einen Termin bei meinem Hautarzt und einen Termin zur Nachsorge bei meinem Hausarzt. Also wieder die 4 Stockwerke runter, ab zum Arzt Nr 1, wo es einen Aufzug gab und danach noch zu Arzt Nr. 2. Anschließend dann wieder hoch in die Wohnung. Hat auch gereicht für den Tag.

Ich wurde noch eine weitere Woche krankgeschrieben, denn obwohl ich zu Hause arbeiten kann, sollte ich nicht lange am Schreibtisch sitzen. Schön das Bein hochlegen und gelegentlich mal bewegen. Mit dem Walker darf ich das Bein aber voll belasten. Das ist eine gute Nachricht, denn alles, was ich während der Tragephase an Muskeln belasten kann, geht nicht verloren und muss hinterher nicht wieder aufgebaut werden.

Passend dazu hatte ich auch einen netten Austausch über Instagram mit Leuten, denen die Achillessehne auch schon gerissen ist und die diesen Weg somit schon gegangen sind. Das war sehr schön, sich da mal auszutauschen, über Ängste und Sorgen zu sprechen und zu hören, dass alle wieder ein ganz normales sportliches Leben führen.

Sonntag waren wir dann noch bei guten Freunden eingeladen. Dort hab ich dann auch meinen alten Busenfreund „Chefchen“ seit langem Mal wiedergesehen und der schlägt sich derzeit mit seinem neuen Kreuzband rum. „Invalidenclub“, würde ich sagen.

Es gibt immer was zu erledigen

24.08. – 30.08.2021 – Die zweite Woche

In dieser Woche war noch Ruhe angesagt. Der Druckschmerz an der Ferse war nervig, aber erträglich. Ich habe mir morgens eine Novalgintablette gegönnt und bin so gut über den Tag gekommen. Jeden Tag habe ich mir kleine Aufgaben gesetzt. Treppe hoch, Treppe runter, Leergut in eine Kiste bringen, Katze füttern, Spülmaschine ausräumen usw. Alles so kleine triviale Dinge, die aber einen sicheren Stand voraussetzten.

Dienstag hatte ich einen weiteren Termin zur Nachsorge bei meinem Hausarzt. Alles im grünen Bereich, keine Entzündungen, keine Verhärtungen, alles wie man es sich wünscht. Beim Abtasten griff der Doc dann aber mal beherzt zu, um die Reflexe zu testen. Da hätte er sich fast eine satte Ohrfeige von mir gefangen.

Wo mein Fuß da aber schon frei hing, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, ein Foto zu machen. Ich bin ja immer davon ausgegangen, dass ich nur 6 Fäden im Bein habe, jetzt weiß ich: Es sind 8. Ich freue mich aufs Fäden ziehen, davor habe ich echt Schiss. Aber das kommt erst nächste Woche Montag, ist also gefühlt noch in weiter Ferne.

Frisch gewickelt wurde ich dann von meiner Frau wieder nach Hause gebracht, wo ich mich die Treppen ins 4 OG hinauf Quälen dufte. Na ja, wir haben uns die Wohnung ja selber ausgesucht und es wird von Mal zu Mal einfacher.

Mittwoch habe ich mir dann wieder etwas Ruhe gegönnt. Mittlerweile renne ich mit einer kleinen Umhängetasche durch die Wohnung, in welcher ich Dinge des täglichen Lebens transportieren kann. Was zu trinken, mein Handy, usw.

Donnerstag ging es wieder unter die Dusche. Nicht zum ersten Mal, aber ich habe mir diesmal erlaubt, ein Foto zu machen, welches ich Dir nicht vorenthalten wollte.

Man stellt sich die Frage, ist das moderne Kunst, Müll der weg kann, oder bin das ich? Meine Frau packt mir den Stiefel immer schön in einen Müllsack ein, klebt das oben zu, damit kein Wasser hineinläuft und ich wickle hinterher noch den Duschvorhang drum.

So ist zwar die Waschküche hinterher nass, der Stiefel aber nicht. Unnötige zu erwähnen, welch Wohltat es ist, frisch geduscht wieder auf die Couch zu wandern.

Es sind die kleinen, die selbstverständlichen Dinge, die plötzlich ganz schwierig werden.

Freitag stand dann die nächste große Herausforderung auf dem Plan. Die zweite Treppe ins Dachgeschoss. Auch dabei handelt es sich um eine Wendeltreppe, diesmal aber ohne Geländer und somit auch schon mit zwei gesunden Beinen eine Herausforderung für manche Leute. Ich habe über Instagram aber einige Tipps bekommen, ich solle Treppen auf dem Hintern hinauf oder herunterrutschen. Diesem Vorschlag bin ich gerne nachgekommen und hatte damit Erfolg.

Es dauert zwar deutlich länger und ist auch wesentlich akrobatischer, aber ich komme rauf und runter und nur das zählt am Ende.

Am Samstag dann hatte ich meine erste Session beim Physiotherapeuten. Thomas kenne ich ja schon von meinem Problem mit der Schulter und daher hat er schon einen uneingeschränkten Vertrauensbonus bei mir. Ich war deshalb auch sehr froh, dass er sich meinem Problem annimmt und den Weg mit mir zusammen gehen wird.

Die Übungen waren eigentlich recht einfach, aber der Kopf, der Kopf ist mein größtes Problem. Bei allen Übungen rechne ich jederzeit mit einem stechenden Schmerz oder fürchte, dass die Sehne wieder reißt. Aber Thomas hat alles im Griff, stabilisiert das Bein, achtet auf die Sehne und gibt mir Hausaufgaben mit.

„Wir wollen keine Muskeln abbauen“ ist die Devise und nach der arbeite ich. Ich trage nun auch den umgebauten Schuh, welchen ich aus dem Krankenhaus mitbekommen habe. Damit kann ich tatsächlich recht „gut“ laufen, auch wenn es vielleicht seltsam aussieht.

„Lite-Weight“ ist mittlerweile stark gelogen

Nach der Physio war ich dann noch mit meiner Frau unterwegs. Keine Gnade könnte man meinen. Wir waren noch bei Staples, im Baumarkt und einkaufen. Ich habe dieses Mal nicht im Auto gewartet, nein ich war dabei. Großes Finale, nachdem alles erledigt war, wieder ins 4 OG. Diesmal aber deutlich schneller und entspannter, als die Tage zuvor.

Dennoch war ich danach fertig wie ein Schnitzel. Fertig, aber zufrieden.

Sonntag habe ich dann nur meine Hausaufgaben gemacht. Beim hoch, Bein runter, jede Stunde 10 Mal. Ein paar Treppen habe ich mir auch gegönnt. Wir wollen ja keine Muskeln verlieren.

Montag war es dann so weit. Die Fäden sollten raus. Ein weiterer kleiner Meilenstein auf dem Weg zurück auf die eigenen Beine. Eigentlich alles halb so wild, aber mein Kopf war total überlastet. Ich lag auf der Liege, ohne Orthese und Verband und mein Kreislauf ist eh nicht der Beste, wenn es um Fäden oder Nadeln geht, die in meinem Körper stecken. Kopfkino Deluxe!

Aber Fr. Dr. regelte das alles routiniert und professionell. Die Fäden waren in 0,nix raus und ich frisch gewickelt wieder in meiner schützenden Orthese zurück. Jetzt noch 2 – 3 Tage das Pflaster über der Wunde tragen, für den Fall, das sind noch eine kleine Kruste bildet. Danach kann ich dann das Pflaster unterm Verband weglassen. Ich freue mich auf Duschen ohne Verband und mit der Möglichkeit, das Bein wieder ganz ohne Hilfe waschen zu können.

Als ich wieder zu Hause war, kümmerte ich mich um die weiteren Schritte, die noch zu erledigen sind. Ich machte einen Termin beim Orthopäden, denn in 14 Tagen kommen die ersten beiden Keile aus dem Iron Man Schuh raus. Das wird dann der nächste große Meilenstein für mich sein. Danach ist es nicht mehr weit, bis ich ganz auf den Schuh verzichten kann.

31.08. – 06.09.2021 – Die dritte Woche

Mittwoch hatte ich einen ganz ehrgeizigen Tag. Stillstand ist der Tod, daher war ich den ganzen Tag aktiv in der Wohnung unterwegs. Zur Mittagspause hatte ich mir ein ganz besonders ehrgeiziges Ziel gesetzt. Mittagessen auf dem Dachboden. Wir erinnern uns: zwei Wendeltreppen!

Also habe ich mir meine Umhängetasche geschnappt, mit ein paar Asis-Nudeln in einer verschließbaren Tupper-Dose erwärmt, eine Gabel und die Dose in meine Tasche und dann ab nach oben. Die erste Treppe klappt dabei schon sehr gut, aber bei der Zweiten hatte ich meine Probleme. Zuletzt bin ich ja auf dem Hintern, Stufe für Stufe hoch. Heute auch!

Mission erfolgreich

Jetzt wollte ich es aber wissen. Nächste Challenge: Alleine duschen! Nach Feierabend machte ich mich also auf und trug alles zusammen, was wir bisher zum Duschen brauchten. Handtücher, Wäsche, Müllsack, Klebeband. Hoch konzentriert verpackte ich meinen Stiefel in dem Müllsack. Dan hatte ich einen Anfall von Cleverness: Wenn ich den Müllsack nicht so gewissenhaft verkleben würde, wie es meine Frau immer macht, könnte ich vielleicht ein paar mehr Haare an den Beinen behalten.

Als zusätzliche Wassersperre baute ich in meine Konstruktion noch ein Handtuch mit ein. HA! Ich bin so clever! Bein raus, ich in die Dusche, Vorhang drum und ab ging die Post. Junge, war ich stolz auf mich. Was meine Frau wohl sagen würde, dass ich mich jetzt alleine… Moment! Was war das? Wassereinbruch im Stiefel!

Na ja, ganz so clever war ich halt doch nicht. Und meine Frau nutzt nicht nur zu ihrem eigenen Vergnügen diese Menge an Klebeband, wenn sie meinen Stiefel verpackt. Wobei sie eine gewisse Freude beim Abziehen des Bands nicht verbergen kann. Sei es ihr gegönnt.

Jedenfalls ging mein Masterplan heute nicht auf. Konsequenz, ich musste frisch gewickelt werden und der Stiefel brauchte ne Weile, bis er wieder trocken war. Meine Frau war dennoch stolz auf mich.

Donnerstag durfte dann das Pflaster ab, welche man mir nach dem Fänden ziehen nochmal auf die Wunde geklebt hatte. Schon nach dem Abwickeln des Verbands war klar, wir haben ein Problem. Denn ich konnte auf der Klebestelle des Pflasters schon 4 feuchte Stellen ausmachen. Was bedeutet, mein Hausarzt hat sich verklebt und mir schön die Klebeseite auf 4 von 8 Krusten geklebt.

Und das mir! Wo ich doch bei solchen Sachen wie Fäden ziehen oder Pflaster entfernen immer hart an der Ohnmacht entlang schippere. Nützt ja alles nix, vorsichtig aber beherzt zog meine Frau das Pflaster ab und ich hatte es überstanden.

Bei genauerer Untersuchung konnten wir aber sehen, dass sich 2 der Wunden ein wenig entzündetet haben. Oder auf dem Weg dorthin waren. So entschieden wir uns, die Wunden mit Betaisodona zu versorgen, um schlimmeres zu verhindern.

In meiner Mittagspause hatte ich denn meine zweite Physiotherapie-Session. Thomas lockerte mir die Beine auf und sorge dafür, dass sich die Muskeln wieder lockerten. Außerdem gingen wir ein, zwei Übungen durch, die mir beim Muskelerhalt helfen sollen.

Samstag hatte ich schon die nächste Physio-Stunde. Thomas kümmerte sich wieder um die Muskeln, was zunächst wirklich unangenehm war, sich im Nachhinein aber als Wohltat entpuppte. Der Junge hat echt goldene Hände.

Nachmittags gab es noch eine Familienveranstaltung, die Hofwoche. Ich war diesmal davon befreit und durfte mir das Unterfangen von einem Stuhl aus ansehen. Ich nutze die Gelegenheit und wanderte auf dem Hof umher. Das Laufen mit dem Walker und dem Highheel klappt immer besser. Ich hatte ja gehofft, wieder besser laufen zu können, wenn die Fäden raus sind. Die Hoffnung bestätigte sich!

Sonntag zeigte auch die Behandlung meiner Narben erste Erfolge. Nur noch 2 kleine Entzündung-punkte waren auszumachen und sie wurden immer, immer kleiner. Noch etwas durchhalten, dann sollte hier auch alles dicht sein.

Montag hatte ich wieder Hummeln im Hintern. Immer wieder bin ich durch die Wohnung gelaufen. Ich trage den Highheel nun auch in der Wohnung und lasse die Krücken auch mal stehen.

Nach Feierabend bin ich dann auf den Balkon geklettert. Dort ist mir dann aufgefallen, dass die Blumen mal Wasser brauchen könnten. Also habe ich den Wasserschlauch startklar gemacht und die Blumen gegossen.

Anschließend habe ich den Fuß ausgepackt und ihm etwas hochgelegt. Nicht, weil es zu viel war, sondern weil ich es konnte. Ich muss dazu sagen, dass es mich nach wie vor Überwindung kostet, den Walker auszuziehen und den Fuß „sich selbst“ zu überlassen. Zu groß ist die Sorge, durch einen unbedachten Schritt alles wieder auf 0 zu setzten. Eine Sorge, die total unbegründet ist, solange ich nicht ohne Walker auf einem Bein durch die Bude hüpfe.

07.09. – 13.09.2021 – Die vierte Woche

Dienstag stand dann die nächste Physio-Session auf dem Plan. Wieder ging es um lockern von Muskeln und Übungen für das Gleichgewicht. Jetzt macht sich bezahlt, dass wir auf den Bikes so häufig auch Fahrtechnik-Trainings gemacht haben. Die Gleichgewichtsübungen gehen mir leicht von der Hand, auch wenn Thomas durch die Anpassung kleiner Parameter alles gelernte gleich außer Kraft setzten kann. „Schüttel mal den Kopf!“ ZACK, Gleichgewicht weg…

Der Mittwoch plätscherte so dahin. Als es zum Abend hin dann wieder in Richtung Heparin-Injektion ging, machte sich in mir Unmut breit. Mir gehen diese Spritzen auf den Sack. Ich hab auch ein- oder zweimal doof geschossen und jetzt zwei richtig fette, blaue Flecken auf dem Bauch. Das frustriert mich echt. Aber die Dinger sind wichtig, das weiß ich. Ich will sicher keine Thrombose riskieren. Fehlt mir auch noch.

Die Emotionen vom Vortag habe ich dann in den Donnerstag mit übernommen. Ich hatte keine gute Laune. Ich war sogar traurig, möchte ich sagen. Denn mir wurde wieder bewusst, wie unselbstständig ich doch noch war und auch noch einige Zeit bleiben werde. Dann fängt das Kopfkino an: „Ich falle allen zu Last, alles dreht sich nur um mich, alle müssen Rücksicht auf mich nehmen, nix kann ich alleine…“ Bullshit, weiß ich, aber dennoch! Manchmal ist das halt so.

Hoffnung gibt mir, dass wir bald Halbzeit haben!

Zum Feierabend hin hatte ich dann keinen Bock mehr mir selber Leidzutun. Ich packte meine Umhängetasche, schnappte mir meine Sonnenbrille, die Krücken und lief eine Runde durch den Park hinter unserem Haus. Ich hab die Strecke mal auf Komoot geplant und stelle fest, es sind ziemlich genau 1000 Meter. Nun, ich war nur knapp 50 Minuten unterwegs. Aber hey, ich war unterwegs!

Freitag hatte ich wieder bessere Laune. Ich hatte es bis hier geschafft, jeden Tag mein Schrittziel zu erreichen und, was mich ganz besonders gefreut hat, ich habe über die Woche verteilt die ein oder andere Instagram Nachricht mit Genesungswünschen erhalten. Auch waren ein paar von Euch unterwegs, haben Fotos gemacht und mich darauf markiert. Das hat mich sehr gerührt und motiviert. Es ist ja nicht selbstverständlich, jemanden, den man nur über das Internet kennt, ein Foto zu widmen.

Vielen Dank dafür!

Ich traue mir immer mehr zu. Ich habe in der Zwischenzeit verstanden, dass der Fuß nicht abfällt, wenn ich den Walker ausziehe. Klar, Vorsicht ist wichtig, aber es wird, es wird. Die Entzündungen sind auch mittlerweile weg, ich laufe ohne Krücken mit dem Highheel und dem Walker und brauche die Dinger nur noch, wenn ich das Haus verlasse. Zur Sicherheit, weil die Sohlen des Walker und meines Highheel keine Knautschzone haben. So reichen schon kleinste Steinchen, um das ganze Konstrukt ins Wanken zu bringen. Und gerissene Bänder auf der linken Seite will ich unter allen Umständen vermeiden.

Abends war ich dann noch duschen. Danach habe ich mir erlaubt, den Fuß mal für eine Stunde komplett ohne Verband und Walker auf der Couch abzulegen. Was eine Wohltat.

Samstag dann die nächste Herausforderung. Ikea! Allerdings nicht zur Rushhour, wir sind ja nicht bekloppt. Zum Abend hin, machten wir uns auf nach Dortmund, um noch ein paar Kleinigkeiten zu kaufen. Treppe hoch, klappt mittlerweile super! Treppe runter, nur mit Konzentration. Einkaufswagen kann ich mittlerweile auch schon gut kontrollieren. Es entwickelt sich, es entwickelt sich.

Sonntag haben wir es mal ruhig angehen lassen und den Tag auf der Couch verbracht. Ich bin aber dennoch immer mal wieder durch wie Wohnung gelaufen und konnte auch heute, den siebten Tag in Folge, mein Schrittziel erreichen. Das lag heute zwar nur bei 2590 und ich war mit 2654 nicht knapp drüber, aber es geht um das Prinzip. Jeden Tag ein bisschen besser!

Montag ist meine OP nun schon 4 Wochen her. Ich habe also offiziell „Halbzeit“, was den Schuh angeht. Morgen wird es spannend. Da habe ich einen Termin beim Orthopäden und es kommen die ersten beiden Keile raus. Ich bin sehr gespannt, was mich da erwartet.

Abends habe ich mich dann nochmal auf eine kleine Abendrunde durch den Park begeben. Diesmal habe ich eine Aktivität auf meiner Uhr gestartet, damit ich messbares habe. Und sieh da: Für den Kilometer habe ich diesmal nur fast 25 Minuten gebraucht. Also ca. 30 Minuten schneller als beim letzten Mal. Darauf lässt sich aufbauen.

14.09. – 20.09.2021 – Die fünfte Woche

Dienstag stand der nächste große Meilenstein auf dem Programm. Die ersten beiden Keile sollten entfernt und mein Fuß von 10°, auf 5° Stellung gebracht werden. Um 9 hatte ich den Termin in der Orthopädie im St. Anna Krankenhaus in Herne und so machten wir uns auf den Weg. Aufgrund der Corona-Beschränkungen durfte meine Frau nicht mit ins Gebäude und wartete somit draußen.

Die Prozedur ging kurz und schmerzlos über die Bühne. Kurze Abfrage vonseiten des Arztes, wie es denn so läuft, Begutachtung der Narbe und ob ich Fragen hätte. Ja, ich hatte Fragen zur Thromboseprophylaxe. Muss der Fuß gewickelt werden, muss ich Spritzen nehmen, wenn ich täglich mein Schrittziel (derzeit 2500) erreichte?

Die Antworten erfreuten mich. Kein Wickeln mehr und ja, wenn ich mein Schrittziel erreiche und weiter steigere, brauche ich keine Spritzen mehr zu nehmen. Sollte ich mal einen Tag dabei haben, wo ich keine Bewegung bekomme, kann ich gerne eine Spritzen nutzen.

Während wir sprachen, trag auch jemand vom Orthopädie- und Schuh-Zentrum Schade ein. Er sollte meinen Schuh von den beiden Keilen befreien, was er auch im Handumdrehen erledigte. Hastig steckte er meinen Schuh zusammen und verließ uns wieder.

Meinen Highheel passten sie heute aber noch nicht an. Ich ging davon aus, dass sie mir ein paar Zentimeter von der hohen Sohle entfernen würden. Aber das machten sie nicht. „Den Unterschied würde man nicht merken“, so die Begründung. Spoiler: Doch! Merkt man! Sehr deutlich sogar. Und es ist unangenehm. Aber man gewöhnt sich ja an alles.

Der Arzt half mir wieder in den Walker und schon waren wir fertig.

Schon auf den ersten Metern in Richtung Ausgang spürte ich einen Schmerz, welchen ich bei meiner Ankunft noch nicht hatte. Eine Mischung aus Druck- und Dehnungsschmerz. Sehr unangenehm. Zu Hause angekommen schleppte ich mich wieder in den 4 OG hoch. Dort zerlegte ich den Walker nochmal auf eigene Faust und platzierte den Innenschuh wieder dort, wo er sein sollte. Siehe da: Druckschmerz weg! Es ist immer schön, wenn Ärzte bei der Sache sind und sich Zeit für den Patienten nehmen. *ironieoff*

Ich konnte sofort wieder in der Wohnung umherlaufen und wähnte mich auf der Siegesstraße.

Heute war auch noch meine vorerst letzte Anwendung Physiotherapie. Für weitere Anwendungen brauche ich eine neue Verordnung und neue Termine. Thomas begann schonmal damit, die Sehne wieder geschmeidig zu machen, was später wohl die größte Herausforderung werden könnte. Das war eine Mischung auf schön und schrecklich.

Später am Tag waren wir dann auch noch vor der Tür, Schritte sammeln! Der Dehnungsschmerz machte sich wieder deutlich bemerkbar und ich war mir sicher, ich habe heute übertrieben. In klammerte mich an den Einkaufswagen und biss die Zähne zusammen. Unangenehm, sehr unangenehm…

Den Abend ließen wir auf der Couch ausklingen. Ohne Verband und Spritze.

Mittwoch sah die Welt schon gleich wieder ganz anders aus. Das Wetter ließ keinen Spaziergang zu und so machte ich in der Wohnung jede Menge Umwege. Wenn ich in die Küche wollte, lief ich erst ins Schlafzimmer, dann ins Wohnzimmer, dort 1 – 2 Mal im Kreis und dann erst in die Küche. So brachte ich es am Ende des Tages auf 3484 von 3030 benötigten Schritten.

Die Dehnungsschmerzen haben deutlich nachgelassen, was mich natürlich sehr glücklich machte. Ich kann es kaum erwarten, mal wieder vor die Tür zu kommen, um ein paar Meter an der frischen Luft zu laufen.

Ein Wort zu den Dehnungsschmerzen. Das Gefühl ist so, als wenn man die Achillessehne bewusst dehnen möchte. Ihr kennt sicher die Übung, wo man den Fuß so bewusst streckt, bis man die Belastung spürt. So ist das, nur halt ohne Kontrolle über die Intensität.

Persönliche Meilensteine

15.08.2021 – Als Notfall ins Krankenhaus, aufgrund einer Achillessehnenruptur

16.08.2021 – Operation der Achillessehnenruptur: Percutane Achillessehnennaht.

18.08.2021 – Entlassung aus dem Krankenhaus

19.08.2021 – Bewältigung der Wendeltreppe und duschen

27.08.2021 – Besuch des Dachbodens

28.08.2021 – Laufen in der Öffentlichkeit mit Hilfe von Gehhilfen und dem fetten Schuh.

30.08.2021 – Fäden werden gezogen

01.09.2021 – 1000 Meter Spaziergang durch den Park mit Gehhilfen zur Notfallabsicherung

14.09.2021 – Die ersten beiden Keile kommen aus der Orthese raus

28.09.2021 – Die beiden letzten Keile kommen aus der Orthese raus

  • Laufen ohne Orthese mit Gehhilfen
  • Laufen ohne Gehhilfen
  • Erste Radtour nach dem Abriss.

Liste wird fortgesetzt.