„Haard“ aber herzlich


Am Wesel-Datteln Kanal

Was gibt es über die Haard zu sagen? Wikipedia schreibt dazu: Die Haard ist eine etwa 55 km² große und bis 156,9 m ü. NHN hoch gelegene Hügellandschaft aus Sandstein im Naturpark Hohe Mark-Westmünsterland (Nordrhein-Westfalen) im Norden des Kreises Recklinghausen.

Meine Kollegen schwören auf die Haard. Hier ist es immer gut, es gibt reichlich Höhenmeter, viele verzweigte Trails, endlosscheinende Naturpfade und viel Ruhe. Grund genug sich das mal genauer anzusehen. Also plante ich bei GPSies.com eine Route die mir möglichst alle Berge zeigen sollte und mich mit etwas Action durch den Busch bringt. Laut GPSies sollten hinterher rund 65 Kilometer und 613 HM auf dem Tacho stehen.

Wie gesagt, Familie und Kinder waren versorgt, die Temperaturen herrlich (27°C, Sonne kein Regen) und die Motivation groß. Das Rad war geputzt und so machte ich mich gegen 11:30 auf den Weg. Zunächst ging es zu unserem Startpunkt, wo wir auch immer die Haldentouren starten. Ich habe die Strecke bewusst so geplant, denn vielleicht machen wir ja mal gemeinsam diese Tour. Von dort aus ging es dann am Rhein-Herne Kanal in Richtung Datteln.

Auf dem Weg liegt auch das Schiffshebewerk in Waltrop, welches gelegentlich für meine Feierabendrunde herhalten muss. Ab dem Hebewerk war dann alles Neuland für mich, denn sonst wende ich hier immer und fahre zurück. Aber diesmal bin ich bis nach Datteln hinein gefahren, denn mein Ziel war die Verbindung zum Wesel-Datteln Kanal. Hier musste ich dann links abbiegen und eben diesem Kanal weiter folgen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 23 km auf dem Tacho. Ich kam gut voran, denn die Strecke ist gut befestigt und die Anzahl der Sonntagsfahrer hielt sich in Grenzen. Lag vielleicht auch an der Uhrzeit. Bald gab es in den meisten Sonntagsfahrerfamilien Mittagessen. Zu meinem Glück.


Rennen mit dem Motorboot.

Aber auf dem Kanal war auch schon was los. Das gute Wetter lud die Menschen ein im Kanal zu baden. Auch ich überlegte, vielleicht für ein Foto, mit Sack und Pack ins Wasser zu springen. Die Temperaturen würden es erlauben. Aber wenn dann erst auf dem Rückweg. Ach mal schauen. Kurz vor nächsten Wegpunkt, lieferte ich mir dann noch ein kleines Rennen mit einem Motorboot. Ich trat ordentlich in die Pedale und er drehte seinen Hahn auf. Wir hatten kurz Blickkontakt und ich lag vorne. Ich führte noch immer, als ich den Weg verlassen musste, weil meine Abzweigung gekommen war.


Mein Start in die Haard

Nach der Brücke war es dann nicht mehr weit. Ich passierte das Baggerloch Flaesheim und war in der Haard. Ich hatte den Einstieg extra so gewählt, denn ich wollte ein schönes Foto vom Baggerloch samt Strand haben. Leider versperrte mir das Gebüsch den Blick auf Strand und Wasserfläche. Schade, aber gut. Ich stoppte kurz um einen Schluck zu trinken und die Protektoren anzulegen. Zwar erwartete ich hier nichts dramatisches, aber wenn man schon alleine unterwegs ist, muss man es ja nicht darauf anlegen.

So wie ich das Wasser in den Mund zog, lief mir die Suppe wieder aus dem Helm. Die Temperaturen waren echt herrlich für einen Badeausflug. Aber ich zwängte mich in Ellebogen- und Knieschoner um mich danach durch die Büsche zu schlagen. Läuft…

Nun ging die Fahrt erst richtig los. Ich hatte mir ein paar Ziele gesetzt. Den Dachsberg, den Finkenberg, die Bruno Olemann Linde, einen der Feuerwachtürme, den Weseler Berg und den Schwarzen Berg. Von dort sollte es dann quer durch die Haard gehen, um auch den letzten Berg, den Farnberg zu bestaunen. Höhenprofiltechnisch sah die Karte interessant aus. Nichts Unmögliches.

Aber ich habe einen Anfängerfehler bei der Planung gemacht! Dieser Fehler sollte mir sehr viel Kraft und Nerven kosten. Was war passiert? Ich habe bei GPSies.com gesehen, dass auch MTB Strecken eingezeichnet sind. Da ich ja mit einem MTB unterwegs war, wollte ich natürlich auch so viele MTB Strecken wie möglich mitnehmen. Hier der Pro-Tipp: Wenn man eine Gegend hat, in denen die Sehenswürdigkeiten „Berg“ heißen, hat das meistens was mit Höhenmetern zu tun. Und die fährt man am bequemsten auf befestigten Wegen hoch und auf MTB Trails wieder herunter.


Auf der falschen Seite des Trails

Ich habe leider diverse MTB Strecken verplant, um auf die Berge rauf zu kommen. Mir wurde das schlagartig klar, als ich einen beeindruckenden Berg hinaufschieben musste, an dessen Fuß ein schöner Kicker aufgebaut war und der sicher mächtig Spaß macht, wenn man von der richtigen Seite kommt. Hoch ist er auf jeden fall absolut humorlos!


Auf der richtigen Seite des Trails.

Da die Steigung so derbe war, dass ich den Lenker auf Kopfhöhe schieben musste, konnte ich die Nähe meines Körpers zum Waldboden gleich damit verbinden, irgendwelches Energieriegelpapier, welches andere Biker dort (sicher nur) verloren hatten, aufzusammeln. Keep the trails clean!


Befestigte Wege

Nun ja, dieser Fehler zog sich halt durch die ganze Expidition „Haard“ und sorgte teilweise für echte Hasstiraden in meinem Kopf. Aber ich zog es durch. Ich versuchte dann mit dem Garmin zu flirten und orientierte mich kurzfristig neu um zu haarte Trails bergauf zu meiden. Man muss ja auch an die anderen denken, ich will nicht der Idiot sein, der einem Downhiller im Weg steht, wenn er mit guter Geschwindigkeit einen schönen Trail hinabdonnert, denn ich grade hinauf laufe.


Impressionen aus der Haard

Aber nicht, dass wir uns hier falsch verstehen. Es macht unheimlich viel Spaß sich hier zu bewegen. Neben den anstrengenden Planungsfehlern waren auch jede Menge Passagen dabei, in denen man richtig schön fliegen lassen konnte. Eine Passage hatte ich, da war mein Topspeed für einen kurzen Moment bei 48 Km/h. Im Wald, auf unbefestigten Boden. Weitere 3 Passagen lagen bei 43, 44 und 37 Km/h. Also man kann hier echt Spaß haben!


Pause am Feuerschutzturm…

Nachdem ich Dachsberg, Finkenberg, Bruno Olemann Linde und Weseler Berg passiert hatte, erreichte ich den Feuerwachturm. Jetzt hatte ich bereits 41 schweißtreibende Kilometer auf dem Tacho und war froh, ein schattiges Plätzchen zu finden um mich etwas zu erholen. Ich genehmigte mir eine Banane und machte die erste Flasche Wasser leer. Ich hatte 2 a 700 ml dabei. Bei dem Wetter eine gute Idee.


Pause am Feuerschutzturm

Nach rund 15 Minuten packte mich wieder die Motivation, die Banane wirkte und ich machte mich auf die letzte Etappe. Über den schwarzen Berg, rüber zum Fanberg und dann doch irgendwie wieder aus der Haard raus hinaus. Das waren dann nochmal rund 10 Kilometer durch Trails und Waldwege. Alles sehr schön, aber ich hämmerte mir immer in den Kopf: „IDIOT, BEFESTIGT HOCH, MTB RUNTER!“ Na man lernt halt nie aus. Dann war es endlich geschafft. Ich rollte müde aber glücklich aus der Haard hinaus und steuerte eine kleine Bank an, um endlich aus den Protektoren hinaus zu kommen. Selbige hatten mittlerweile soviel Schweiß getankt, dass ich sie sicher hätte auswringen oder als Lappen zum Bike putzen hätte verwenden können. Ekelhaft. Aber ein sehr befreiendes Gefühl, wenn Du endlich wieder Luft an die Haut bekommst.


Hier gab es ein Topspeedmoment

Ich verstaute alles wieder an und in meinem Rucksack und widmete mich meinen letzten Brötchen, die ich als Proviant eingepackt hatte. Mein Mund war schon ziemlich trocken, als genehmigte ich mir die letzten Schlucke Wasser aus meiner zweiten Flasche. Ich checkte kurz mal, wie lange ich noch bis nach Hause brauchen würde und entschied mich dann die Flasche zu leeren, da es noch rund eine Stunde brauchen würde und das kriege ich auch mit wenig Flüssigkeit hin. Und sollte auf dem Heimweg noch eine Bude kommen, würde ich meine Flaschen wieder auffüllen.

Ab aufs Rad, ab nach Hause. Ich entschied mich sogar für ein (für mich) absoluten Tabubruch, etwas das ich sonst nie mache! Ich schnallte meinen Helm auf den Rucksack und fuhr ohne. Wie schon gesagt, immer wenn ich nach unten schaute, lief mir das Wasser so aus dem Helm. Kaum hatte ich keinen Helm mehr auf, wurde ich auch nicht mehr von entgegenkommenden Bikern gegrüßt. Kann ich verstehen, mache ich auch nicht.


Impressionen aus der Haard

Dann passierte etwas Biblisches. Ich hatte die Strecke so gewählt, dass ich nicht über irgendwelche Land oder Hauptstraßen fahren musste. Ich fuhr also durch Kornfelder und meistens in der prallen Sonne. Die meiste Zeit ging es (gefühlt) bergauf. Ich spielte grade mit dem Gedanken, jetzt hier irgendwo mal jemanden zu bitten, mir meine Flaschen wieder mit Wasser zu füllen, als ich an einen Kreisverkehr kam. An diesem Kreisverkehr war ein Getränkemarkt und obwohl Sonntag war, war er geöffnet.


Impressionen aus der Haard

Ich stellte also mein Rad ab, sicherte das Hinterrad mit meinem Helm, so dass niemand einfach aufs Rad springen und davonfahren konnte. Dann stellte ich fest, dass ich meinen Not-10€-Schein vergessen hatte und nur noch 1,50€ dabei hatte. Machte nix, denn eine eisgekühlte Flasche Apfelschorle kostete genau 1,50 € inkl. Pfand.

Dann das Biblische. Wie ich dann so vor dem Laden stand, rund einen halben Liter Schorle trank und mit dem Rest meine Flasche auffüllte, trafen zwei jugendliche auf ihren MTBs am Getränkemarkt ein. Beide sahen auch ziemlich durstig aus und ich bekam mit, wie der eine zu dem anderen sagte: „Lass uns zusammenschmeißen und blos irgendwas zu trinken kaufen!“ Ich lächelte die beiden an und drückte Ihnen meine Pfandflasche in die Hand. Dann war das schon mal kein Thema mehr. Die Jungs bedanken sind und einer der beiden verschwand im Getränkemarkt. Mit dem anderen hielt ich noch kurz Smalltalk und erfuhr, dass sie auch aus der Haard kommen und sich arg verschätzt hatten, dass die Getränkeversorgung anging. Na ich wünschte ihnen noch eine gute Fahrt und machte mich dann auf den Weg.


Impressionen aus der Haard

Man sagt ja immer: „Tue Gutes und Dir wird Gutes wiederfahren!“ Und mein „Gutes“ war heute wohl die Pfandflasche, denn schon kurz nach dem Getränkemarkt hörte der quälende Berg auf und es ging eine ganze Weile nur noch bergab. Ich musste kaum trampeln, der Wind schoss mir in den Helm (den ich vor den Jungs natürlich wieder (man ist ja Vorbild) aufgesetzt hatte) und der Zucker aus der Apfelschorle brachte die Energie in die Muskeln zurück.

Und wo ich noch so bei mir denken: „Irgendwie biblisch…“ fahre ich doch tatsächlich an so einer typischen Jesus-Christus Gedenkstätte vorbei, an der Jesus am Kreutz auf den Weg hinabschaut. Ich musste so lachen, die Wege des Herrn… Ai jai jai… So geil!


Ein Weg am Kornfeld… *sing*

Ich musste dann noch durch ein paar Straßen und war dann plötzlich schon fast wieder zu hause. Ich stoppte die Navigation, welche mich wieder zu meinem Start manövrieren wollte und fuhr von dort aus nach Hause.


Man nimmt ja immer was mit…

So gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Am Ende der Tour standen 64 Kilometer und nur 442 HM auf dem Tacho. Aber das machte nichts, denn ich war froh, die Haard gesehen zu haben und jetzt endlich unter die Dusche zu können.

Hier noch ein paar Eckdaten zu der Tour:

Die Tour bei GPSies.com

Die Tour bei Strava